Aktuelles im September

Das Leben steht Kopf

Ehepartner, Vater oder Mutter werden pflegebedürftig. Es trifft viele Familien unvorbereitet. Vinzenzgemeinschaften bieten wichtige Unterstützung!

„Meine Eltern konnten noch unabhängig leben. Dann wurde mein Vater pflegebedürftig - das stellte das Leben auf den Kopf! Sein Leben, das Leben unserer Mutter, von uns Geschwistern,“ berichtet Sofi*. Der Vater war oft verwirrt und brauchte 24 Stunden Betreuung.

Die Wohnung wurde behindertengerecht hergerichtet. Tochter  und Mutter pflegten mit Hilfe der Spitex den Vater. Auch nachts war er oft unruhig.  Die Tage waren unvorhersehbar. Die Ehefrau konzentrierte sich auf die Bedürfnisse ihres Mannes, die Kinder organisierten neben ihrem Alltag das ausserhäusliche Leben der Eltern – von Bankzahlungen bis zu Arztterminen, Einkaufsfahrten. Drei Mal die Woche kam für 3 Stunden eine Betreuerin, damit Sofi* ungestört arbeiten konnte. Die mittlerweile pensionierte Frau pflegt seit Jahren – nun die demente Mutter.

Pflegen macht müde, arm -- glücklich

Nach einer Spitex-Studie von 2010 pflegen meist Frauen: An erster Stelle selbst betagte Ehepartnerinnen. Dann folgen Töchter. Männer stellen etwa ein Drittel der Pflegenden. Zwei Drittel der pflegenden Töchter arbeiten situationsbedingt Teilzeit, 16 Prozent geben ihren Beruf ganz auf. Dies reisst in deren Finanzen und Altersvorsorge massive Löcher. Hier ist die Politik gefragt, die das Problem seit Jahren zu wenig angeht. Studien zeigen zudem, dass pflegenden Angehörigen mehr Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Antidepressiva nehmen als nichtpflegende Altersgenossen. Oft fehlt für Freunde, Ausflüge, ein Konzert die Kraft und das Geld, die zusätzliche Betreuung zu bezahlen.

Spitex und Entlastungsdienste helfen. Sofi schaltet mit  Gartenarbeit und Lektüre ab. Sie nimmt sich bewusst Zeit für FreundInnen, die erwachsenen Kinder und Enkel. Auch das Gebet hilft ihr. Sie führt ein „Energietagebuch“: Wieviel Kraft hat sie wofür an einem Tag aufgewendet, stimmt die Balance noch?

Und sie zitiert Andreas Kruse, Professor für Gerontologie (Universität Heidelberg), dass selbst schwer demenzkranke Menschen ein reiches Gefühlsleben haben. Wenn sie Zuwendung bekommen, zeigen sie deutlich Freude und Wohlbefinden.

St. Gallen, September 2018 von Christiane Faschon

*Name geändert