Das Altersheim, das Studenten aus aller Welt anzieht

Mit dem Bau von Mietwohnungen sichert der Verein Vinzenzheim die Zukunft seines Studentenheims in Zürich Witikon

WALTER BERNET, 13.06.2018                              aus NZZ - Neue Zürcher Zeitung

 Einweihung am 12. Juni 2018

Einweihung am 12. Juni 2018

Der Weg führt vom Witiker Zentrum an viel Grün vorbei. Auf der linken Seite ist es natürlich und üppig, auf der rechten Seite, wo die Sportanlage Looren liegt, gestutzt und geputzt. Einfamilienhäuser prägen den folgenden Abhang bis zum Waldrand. Es ist ruhig hier. Bäume, Wiesen und Blumen lassen die Bauten in den Hintergrund rücken. Hunde werden spazieren geführt. Der richtige Ort für ein Altersheim? Ein unscheinbarer Bau stand am Rand des Einfamilienhaus-Quartiers. Die Grösse des Grundstücks machte ihn kleiner, als er tatsächlich war. Errichtet wurde er in den 1930er Jahren vom katholischen Verein Vinzenz-Altersheim (siehe Zusatz). Dort betrieben die Sankt-Anna-Schwestern aus Luzern bis 1989 im Auftrag des Vereins ein Altersheim. Das riesige Grundstück nutzen sie als Anbaufläche für Gemüse, Beeren und anderes. In den 1950er Jahren wurde wegen grosser Nachfrage ein neuer Gebäudetrakt angebaut. Am Ende zwang den Schwestern ihr eigenes Alter die Betriebsaufgabe auf.

 Vom Alters- zum Studentenheim

 Das war das Signal zu einer Neuausrichtung. Ein erstes Projekt für den Neubau eines Alters- und Pflegeheims mit psychogerontologischer Abteilung scheiterte daran, dass der Kanton in der damaligen finanziellen Krisenlage seine finanzielle Unterstützung aufkündigte. Man hatte plötzlich entdeckt, dass in Zürich gar kein Mangel an Plätzen in Altersheimen bestand. So strich der gemeinnützige Verein schliesslich das Alter aus seinem Namen, nannte sich fortan Verein Vinzenzheim und widmete das Haus in ein Studentenheim für 120 Studierende aus aller Welt um. Als es 1992 eröffnet wurde, geschah dies unter der Auflage, rund eine Million Franken in Brandschutzmassnahmen zu investieren. Andernfalls muss es geschlossen werden, wie Vereinspräsident Hans-Ueli Gubser am Freitag erklärte.

 Bis 2004 führte der Justinus-Verein Zürich das Studentenheim. Der 1961 gegründete Verein hatte sich die Förderung von Hochschul-Studierenden aus Entwicklungs- und Schwellenländern zum Ziel gemacht. Aus dem Verein stammt auch der heutige Leiter des Studentenheims, Favlos Danho. Als Mieter des nicht nur (katholischen) Christen offenstehenden Heims ist es ihm gelungen, stets ein volles Haus zu haben. Die relativ günstigen Preise, die ruhige Lage, die grosszügigen Möglichkeiten zum Musizieren, für die Andacht, für sportliche Betätigung und für das gemeinsame Kochen tragen zum Erfolg bei. 

Ende gut, alles gut

 Die einzige Ungewissheit betraf die langfristigen Überlebensperspektiven des Heims. Seit einem Jahr ist auch das anders. Ein Gebäudeteil mit 50 Zimmern wurde abgebrochen, im Mai 2017 begann an dessen Stelle der Bau eines neuen Traktes mit 59 Zimmern. Wer vom Zentrum von Witikon kommt, entdeckt den

Neubau aber kaum. Denn davor sind vier grössere Baukörper mit insgesamt 26 Familienwohnungen kurz vor der Vollendung. Die vom Basler Generalplaner Burckhardt + Partner gebauten Studentenzimmer sollen im August bezugsbereit sein, die Wohnungen im November und Dezember.

 Die vor mehr als zehn Jahren entstandene Idee ist es, die Erneuerung des gemeinnützigen Studentenheims langfristig mit den Erträgen aus den auf dem bisher ungenutzten Teil des Areals gebauten Mietwohnungen zu finanzieren. Stetig fliessende Einnahmen sollen zur Amortisation der gut 25 Millionen Franken beitragen, die insgesamt investiert wurden. Später wird der Verein darüber entscheiden, wie er mit dem verbliebenen Altbau umgehen will. Die lange Planungszeit war mit etlichen Umwegen und Tücken gepflastert. Am Ende konnte der Neubau trotz einem laufenden Quartierplanverfahren realisiert werden, als der Verein Vinzenzheim bereit war, den Ausbau der Loorenstrasse vorzufinanzieren. Der Architekt Andreas Miville sprach der Zürcher Verwaltung trotzdem ein grosses Lob für ihr Engagement zugunsten des Heims aus. Es scheint alles ein gutes Ende zu haben.

 Caritative Gemeinschaft mit Tradition

 wbt. · Mit Taten, nicht nur mit Worten wollte der Pariser Student Frédéric Ozanam caritativ tätig sein. Sein Vorbild war der Heilige Vinzenz von Paul (1581 bis 1660). Nach ihm benannte Ozanam den kleinen Kreis von Leuten, die ab 1833 die Vinzenzkonferenz bildeten. Viele weitere Konferenzen entstanden in der Folge auf der ganzen Welt, 1846 auch die erste in der Schweiz. Die Schweizerische Vinzenzgemeinschaft bezeichnet sich als älteste caritative Organisation in der Schweiz. Ihre Mitglieder sind ausschliesslich ehrenamtlich tätig. Sie war vor über 100 Jahren an der Gründung der Caritas Schweiz als professioneller Organisation der Sozialarbeit beteiligt.

 Im Kanton Zürich gibt es siebzehn Vinzenzkonferenzen und -vereine, die oft im Rahmen einer Pfarrei persönliche Hilfe für in Not Geratene oder auf Unterstützung angewiesene leisten. Zum Teil springen die Konferenzen auch ein, wenn eine Zahnbehandlung zu teuer ist oder das Geld für den Alltagsbedarf nicht reicht. Die Zürcher Vinzenzkonferenzen haben im Jahr 1930 einen Verein gegründet, dessen Zweck die Errichtung eines katholischen Altersheims war: den Verein Vinzenzheim Zürich. Er kaufte noch im gleichen Jahr in Witikon – damals noch nicht zu Zürich gehörend – das nötige Land zum Preis von 6 Franken pro Quadratmeter. Das war kein schlechter Entscheid.

 WALTER BERNET 13.06.2018                             aus NZZ - Neue Zürcher Zeitung

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GESCHICHTE des VINZENZHEIMS 

Am 17. Dezember 1926 beschliesst der Ortsrat der VINZENZGEMEINSCHAFT Zürich unter seinem Präsidenten Dr. Th. Usteri eine Kommission für ein katholisches Altersheim zu gründen. Die Vinzenzgemeinschaft ist die älteste caritative Organisation in der Schweiz, eine Non-Profit Organisation, und die einzige in dieser Grösse, in welcher alle Mitglieder ehrenamtlich arbeiten.

Dies ist der Beginn der Geschichte des VINZENZ-ALTERSHEIMS. Am 19. Dezember 1930 wird der VEREIN VINZENZ-ALTERSHEIM gegründet. Noch im selben Jahr wird beschlossen, in Zürich-Witikon Land für diesen Zweck zu kaufen. Architekt Karl Strobel erhält den Auftrag, ein Projekt für ein Altersheim auszuarbeiten und im Jahre 1937 kann mit dem Bau begonnen werden. 1939 findet die feierliche Eröffnung des Heimes statt. Die St. Anna Schwestern aus Luzern übernehmen die Leitung des Altersheims und die Betreuung der Pensionäre während 50 Jahren. Am 7. Januar 1954 beschliesst die Generalversammlung einen Erweiterungsbau zum bestehenden Heim zu errichten, der 1955 in Betrieb genommen wird.  Aus Altersgründen und wegen fehlendem Schwestern-Nachwuchs wurde die Leitung und Führung per anfangs 1989 durch ein ziviles Mitarbeiterteam übernommen.

Im Jahre 1985 macht man sich ernsthafte Gedanken zur Zukunft des Vinzenz-Altersheims. Nach langen Überlegungen und Abklärungen kommt der Vorstand zum Schluss, dass nur ein Neubau des Vinzenz-Heimes in Frage kommt. Die GV beschliesst, einen Projektwettbewerb auszuschreiben. Das neue Altersheim soll zur einen Hälfte als Altersheim, zur anderen als psycho-gerontologische Abteilung geplant werden, da der Kanton diese Abteilung finanziell unterstützen wird. Das prämierte Projekt soll gebaut werden. Ende 1991 kündigt jedoch der Staat plötzlich seine finanzielle Unterstützung, da sich die Situation bezüglich Altersheime vollständig geändert habe und kein Bedarf an Neubauten mehr bestehe. 

In dieser Situation sieht sich die Generalversammlung vom 9. Juni 1992 gezwungen, die Schliessung des VINZENZ-ALTERSHEIMS auf 31. Oktober 1992 bekanntzugeben. Gleichzeitig kann nach langen Verhandlungen mit dem Justinus-Verein Zürich ein Mietvertrag abgeschlossen werden, ab 1. November 1992 im Heim STUDENTEN und STUDENTINNEN in vinzentinischem Sinn zu äusserst günstigem Preis zu beherbergen. Das Haus bietet Platz für 120 Studierende aus aller Welt.

Dies bedingt umfangreiche Auflagen für das bestehende Heim. Die Feuerpolizei verlangt mit Nachdruck, dass bis im Jahr 1997 umfangreiche Sanierungsarbeiten im Haus in der Höhe von 1 Million Franken vorgenommen werden müssen, um den feuerpolizeilichen Anforderungen genügen zu können. Werden diese nicht verwirklicht und kann die notwendige Summe nicht aufgebracht werden, muss das Haus geschlossen werden!

Anlässlich der Generalversammlung 1995 wird der Verein in VEREIN VINZENZHEIM ZUERICH umbenannt, um für Projekte mit sozialem Zweck im vinzentinischen Geist offen zu sein.

 Auf Ende Juni 2004 kündigt der Justinus-Verein Zürich den Mietvertrag.

Seit dem 1. Juli 2004 führen Herr Favlos Danho und sein Team mit grossem Erfolg das Studentenhaus VINZENZ insbesondere auch für sozial benachteiligte Studentinnen und Studenten aus aller Welt im Dienste der Vinzenzgemeinschaft.

Um die langfristige Erhaltung des Studentenhauses gewährleisten zu können, plant der Verein eine Nutzung des unbebauten Areals in Form von Mietwohnungen.

 Im Jahre 2007 beauftragt der Vorstand die Architekturbüros Leimbacher in Zürich und Burckhardt + Partner in Basel und Zürich, Pläne einerseits für einen Teilrück- und Neubau des Studentenhauses Vinzenz und andererseits für Mietwohnungen auszuarbeiten.

Nach intensiven Recherchen unter Einbezug der QualiCasa wird dem Projekt von Burckhardt + Partner der Vorzug gegeben und nach einer intensiven Planungsphase erhalten wir im April 2014 die Baubewilligung für den Neubautrakt des Studentenhauses mit 58 Zimmern und für 26 Mietwohnungen in vier Wohneinheiten. Im Laufe der Zeit ändern die Bauvorschriften, es kommt ein Quartierplanverfahren dazu, die Pläne müssen angepasst werden, und wir müssen die Strasse in der Looren vorfinanzieren. Am 13. Februar 2017 kann mit dem Strassenbau begonnen werden. Im Frühjahr startet der Rückbau eines Teils des Studentenhauses  und es erfolgt der Spatenstich des Neubaus des Studentenhauses und der Mietwohnungen. Das Studentenhaus wird auf das Herbstsemester 2018, die Mietwohnungen werden spätestens auf 1. November bezugsbereit sein.

Basel, im Mai 2018, H.-Ueli Gubser